Valerie Olerian

Aus Athalon
Zur Navigation springen Zur Suche springen

„Forschung ohne Austausch ist wie eine Sprache ohne Zuhörer - sie verliert ihre Bedeutung.“ -Valerie Olerian


Valerie Olerian, die oftmals fälschlicherweise für einen Mann gehalten wird, war eine Gelehrte sowie Übersetzerin und Sprachlehrerin am königlichen Hof in Carviel. Ihre weitreichenden Sprachkenntnisse erlangte sie durch lange Reisen in die jeweiligen Nationen und das mühselige Erlernen. Olerians bekanntestes Werk ist der Olerians Almanach der Sprachen.

Werdegang

Valerie Olerian erblickte im Jahre 1121 als einzige Tochter des Oberst Theobald Olerian und seiner Frau Marika das Licht der Welt. Über die ersten Lebensjahre der späteren Sprachgelehrten ist nur wenig bekannt. Es kann jedoch angenommen werden, dass die Gattin und die gemeinsame Tochter des Gardisten nur für einen Zeitraum von höchstens einem Jahr am selben Standort verweilten. Der Grund dafür ist, dass der ehrgeizige Theobald die Aufstiegsleiter des Tasperiner Heeres im Sprint erklimmen wollte. Um seine Aufstiegschancen zu erhöhen, wechselte er in regelmäßigen Abständen den Standort und die Familie verließ deswegen mehrmals das Heimatland. Wann und wo genau Valerie ihre Liebe für Sprache entwickelte, ist nicht genau bekannt. Jedoch ist davon auszugehen, dass sie ihre ersten Erfahrungen mit Fremdsprachen bereits in den jungen Jahren ihrer Kindheit sammelte. Auch veröffentlichte sie bereits mit sechszehn Jahren ihre ersten eigenen Werke, die sie ihren Reisen und ihren Erfahrungen in den verschiedenen Ländern widmete. Reisetagebücher, besonders beliebt in den Jahren von Valeries Jungend, dienten oft der Dokumentation wissenschaftlicher Erkenntnisse, künstlerischer Eindrücke aber vor Allem, auch im Fall von Valerie, kultureller Erfahrungen. Nachdem Valerias Vater den Rang des Oberst erreichte und die Familie sich 1144 fest in der Hauptstadt Tasperins ansiedelte, ermöglichte ihr der hohe und angesehene Posten des Vaters ein Studium an der Kaiserlichen Universität Carviel.. Die ersten Jahre ihres Studiums verliefen ruhig und unauffällig, bis die junge Frau eines Tages ohne viel Aufhebens ihre Sachen packte und mehrere Jahre im Ausland verschwand. Ihre Reisen umfassten weite Teile Sorridias und des Kalifat Al'bastra. Dort lernte sie dank ihrer natürlichen Begabung und den Vorkenntnissen aus der eigenen Kindheit die Sprachen und verschiedenen Dialekte kennen und lieben. Hartnäckig lernte sie die verschiedenen Sprachen, nicht aus Büchern, sondern direkt von den Menschen selbst. Die Reisetagebücher, die auf diesen Reisen entstanden, befinden sich noch heute in der Privatbibilothek des Kaisers.

Nach ihrer Rückkehr schloss sie 1152 ihr Studium an der Kaiserlichen Universität ab und arbeitete zunächst als freie Übersetzerin sowie einige Jahre als Lehrerin an der Universität selbst, ehe sie an den kaiserlichen Hof berufen wurde. Dort unterrichtete sie die Kinder des Kaisers und übersetzte eingehende Schriftstücke und Verträge aus fernen Nationen. Auf Anordnung des Kaisers fertigte sie schließlich den Olerians Almanach der Sprachen an, ein Werk, das sie unter widrigen Umständen und gegen ihren zunehmenden Widerstand vollendete. Nach ihrer Freilassung aus dem kaiserlichen Palast zog sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück und siedelte sich in der Nähe von Zweibach in den Vereinigte Provinzen von Silventrum an. Dort verbrachte sie ihre letzten Jahre in selbstgewählter Stille, mit dem Blick auf Meer und Fluss, bis sie im Jahre 1187 des Herrn verstarb. Sie hinterließ kein Testament und keine Erben, nur Olerians Almanach der Sprachen als ewiges Vermächtnis.

Persönlichkeit

Valerie Olerian war eine Frau, die mehr zuhörte als sie sprach, und die, wenn sie sprach, selten ein Wort zu viel verwendete. Oberflächlichkeiten lehnte sie ab, was die sie in sozialen Situationen ab und an Schwierigkeiten bereitete, ihr in der Wissenschaft jedoch stets zugutekam. Ihre Begeisterung entfaltete sich nicht in der seichten Gesellschaft, sondern in deren Tiefe. In einem Dialekt, den sonst niemand für der Mühe wert hielt, in einer Inschrift, die seit Jahrhunderten niemand mehr lesen konnte, in dem Moment, in dem eine fremde Sprache aufhörte, fremd zu sein. In keinem ihrer erhaltenen Tagebücher, die sie phasenweise über ihr gesamtes Leben hinweg führte, findet sich je die Erwähnung eines Liebhabers oder einer engen persönlichen Bindung, die über Kollegialität oder Gastfreundschaft hinausgegangen wäre. Valerie Olerian verliebte sich wohl nie in einen anderen Menschen. Stattdessen schenkte sie ihr Herz den Sprachen selbst, der Art, wie ein Volk seine Welt in Worte fasste, und dem, was dabei unweigerlich zwischen den Zeilen entsteht.

Reisen ins Ausland

!!!Reise ins Königreich Sorridia (1146-1147)!!!

Im Frühjahr des Jahres 1146 verließ Valerie Olerian ohne formelle Ankündigung die Kaiserliche Universität Carviel und trat eine Reise an, die sie für viele Jahre von ihrer Heimat fernhalten sollte. Die Vorerfahrungen, die sie aus den verschiedenen Wohnorten ihrer Kindheit besteuerte, erwiesen sich als äußerst hilfreich.Ihr erstes Ziel war das Heilige Königreich Sorridia. Tasperins alter Rivale, dessen Sprache und Kultur trotz, oder vielleicht gerade wegen der konfliktbelastenden Geschichte zwischen den beiden Nationen, eine Faszination auf die junge Gelehrte ausübte. Dass eine Tasperinerin in Sorridia nicht überall mit offenen Armen empfangen werden würde, war ihr bewusst. Ihre erste längere Station war die Hafenstadt Le Tuillé im Norden Sorridias, wo der Einfluss Tasperins historisch noch am deutlichsten zu spüren war und die Bevölkerung Fremden gegenüber vergleichsweise aufgeschlossen galt. Hier mietete sie sich für mehrere Wochen bei einer Weberfamilie ein, die ihr gegen helfende Hände im Haushalt und der Weberei Kost und Logis gewährte. Ihr sorridianisch lernte sie nicht aus Grammatikwerken, sondern am Küchentisch, beim Feilschen auf dem Markt und in den langen Abendgesprächen mit dem alten Weber, der ihr geduldig erklärte, wenn sie einen Satz falsch konstruiert hatte. Im Spätsommer desselben Jahres zog es sie ins Landesinnere, in die Klosteranlage der Heiligen Bruderschaft von Sant'Erio, einem kleinen Orden in den Hügeln nördlich von Jevasqéz, der für seine umfangreiche Bibliothek und seine Tradition der Textbewahrung bekannt war. Auf Empfehlung eines Kaufmanns aus Le Tuillé, der gute Verbindungen zu den Brüdern unterhielt, wurde Valerie als Schreibhilfe und Übersetzungsassistentin aufgenommen. Eine ungewöhnliche Ausnahme für eine Frau und eine Ausländerin gleichermaßen, die der Prior wohl nur deshalb gestattete, weil der Bedarf an schreibkundigen Händen groß und der Prior selbst nur noch wenige verbliebene Finger hatte. Im Kloster von Sant'Erio verbrachte sie die Wintermonate des Jahres 1146 und lernte dort das Alt-Sorridianische, jene aus dem Mittländischen Imperium hervorgegangene Gelehrtensprache, die in kirchlichen Texten, alten Rechtsdokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen noch weit verbreitet war. Ihre Lehrer waren die Mönche selbst, die in ihr schnell eine Schülerin erkannten, die es verstand, zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen. Im Frühjahr 1147 brach sie von Sant'Erio auf und folgte der Küstenstraße gen Süden. Eine Zwischenstation von mehreren Wochen verbrachte sie auf der kleinen Insel Guarda, einer vorgelagerten Insel vor der sorridianischen Südküste, bekannt für ihre Salzgärten und ihren eigentümlichen Dialekt, der selbst unter sorrdianischen Gelehrten als veraltet und schwer verständlich galt. Für Valerie war dieser Dialekt wie ein Schatz. Gefundenes Fressen für ihre unermessliche Gier nach Sprachkulturen. Sie blieb länger, als ursprünglich geplant auf der kleinen vulkanischen Insel, um nicht nur die Sprache, sondern auch die eigensinnige Kultur der Insulaner zu erlernen. Den letzten Monat ihrer Sorridienreise verbrachte Valerie Olerian in der Hauptstadt Montebrillo. Was für viele Reisende der Höhepunkt einer jeden Sorridienreise war, entpuppte sich für Valerie als Ernüchterung. Die Hauptstadt war kein Ort, an dem man eine Sprache lernte. Sie war ein Ort, an dem man sie verwässerte. Die Händler sprachen ein gebrochenes Gemisch aus Sorridianisch, Tasperin und Kalifatisch, die Gelehrtenzirkel pflegten das Alt-Sorridianische mehr Zeichen der Überlegenheit, denn als lebendige Sprache, und die einfache Bevölkerung der Armenviertel sprach einen Straßendialekt, der sich von allem, was sie in Sant'Erio und auf Guarda gelernt hatte, merklich unterschied. Nach einigen Wochen, in denen sie pflichtbewusst die bedeutendsten Bibliotheken und Universitätszirkel der Stadt aufsuchte und ihre Eindrücke in knappen, ungewohnt nüchternen Tagebucheinträgen festhielt, reiste sie weiter. In ihren späteren Jahren beschrieb sie Montebrillo als einen Ort, der mit vielem Glänzen wollte, dabei aber nichts so richtig zum Glanz erstrahlen bringen konnte. Die Reisetagebücher, die auf diesen zwei Jahren entstanden waren, mehrere Bände, vollgeschrieben mit Vokabellisten, phonetischen Notizen, Gesprächsprotokollen und persönlichen Beobachtungen zum Alltagsleben der sorridianischen Bevölkerung, galten zu Lebzeiten als ihre persönlichsten Werke und wurden von ihr selbst nie zur Veröffentlichung freigegeben. Dass sie sich heute in der Privatbibliothek des Kaisers befinden, wurde nach dem Tod der Gelehrten gegen ihren ausdrücklichen Willen entschieden.

Reise ins Kalifat Al'bastra (1147-1151)

Von Sorridia aus reiste Valerie Olerian im Herbst des Jahres 1147 weiter in das Kalifat Al'bastra. Die kalifatische Lebensrealität unterschied sich in ihrer Wahrnehmung in jeder erdenklichen Hinsicht. Sprache, Glaube, Klima, Architektur, Gastfreundschaf. Alles trug hier eine andere Farbe. Ihre Tagebücher aus dieser Zeit unterscheiden sich merklich von den sorridianischen Aufzeichnungen. Wo sie dort noch akribisch Vokabellisten und Dialektnotizen führte, pausierten die kalifatischen Einträge manchmal über Wochen oder Monate. Einige Bände wurden gestohlen, andere schlicht nicht mehr geführt, weil keine Zeit oder keine Ressourcen dafür blieben. Große Teile ihrer Aufzeichnungen lesen sich weniger wie ein wissenschaftliches Protokoll und mehr wie Erlebnisse einer Reise, die sie selbst kaum fassen konnte. Ihren ersten längeren Aufenthalt verbrachte sie in der Hafenstadt Mina Farah im Sultanat Emikal, dem Tor zum Kalifat. Dort trat sie in Kontakt mit einem kleinen Zirkel von Gelehrten, die sich auf vergleichende Sprachgeschichte spezialisiert hatten. Valeries Kenntnisse des Alt-Sorridianischen, auch Gelehrtensprache, die auch im Kalifat als Zeichen von Bildung, öffneten ihr Türen, die einer einfachen Reisenden verschlossen geblieben wären. Sie blieb mehrere Monate in Mina Farah, lernte die Grundzüge des Kalifatischen und sammelte erste Eindrücke einer Sprache, die ihr in ihrer Struktur vollkommen fremd war und sich merklich von ihrer Muttersprache und dem Sorridianischen unterschied. Im Frühjahr 1148 schloss sie sich einer Gruppe von Händlern und Beduinen an, die auf dem Rücken Waha´Kandhscher Wüstenschiffe eine Handelsroute durch die Wüste Damacht bedienten. Es war eine der wenigen Möglichkeiten, das Innere des Landes zu bereisen, und Valerie ergriff sie ohne zu zögern. Die Wochen in der Wüste hinterließen in ihren Tagebüchern einige der eindringlichsten Schilderungen ihres gesamten Lebenswerkes. In Form von Gedichten hielt Valerie die Stille der schier endlosen Dünen, die klirrende Kälte nach Sonnenuntergang und das unablässige Tösen eines Sandsturms fest.

"Die neue Welt"

"Ich stand und sah, wie Farben starben, Wie Himmel brannten, kühl und weit. Ertrinkt in Gold, ertrinkt in Rot, Sie trinkt ihr Licht bis in den Tod. Nur diese eine, stille Zeit, Damacht. Sie kennt kein Erbarmen."

"وقفتُ أرى الألوانَ تموت، والسماواتُ تحترق، باردةً وشاسعة. تغرق في الذهب، تغرق في الأحمر، تشرب نورها حتى الممات. تلك اللحظة الواحدة، الصامتة، داماخت. لم تعرف يوماً الرحمة."“

Valerie Olerian (Flugzettel | 1) - Fassung in Tasperin
„Übersetzung aus dem Sorridianischen


„"Ich stand und sah, wie Farben starben,

Wie Himmel brannten, kühl und weit. Ertrinkt in Gold, ertrinkt in Rot Sie trinkt ihr Licht bis in den Tod Nur diese eine, stille Zeit, Damacht. Sie kennt kein Erbarmen."


"وقفتُ أرى الألوانَ تموت، والسماواتُ تحترق، باردةً وشاسعة. تغرق في الذهب، تغرق في الأحمر، تشرب نورها حتى الممات. تلك اللحظة الواحدة، الصامتة، داماخت. لم تعرف يوماً الرحمة."“

Valerie Olerian (Buchreihe und Bandnummer | Seite und Abschnitt) - Sprache
„Übersetzung“


Der Zusammenhalt der Beduinen und die familiäre Wärme, die auch Valerie während der Geschichten am Lagerfeuer erfahren durfte, beschreib sie in ihren Reisetagebüchern besonders liebevoll. Die Geschichten der Kameltreiber, die in einem gebrochenen Gemisch aus Kalifatisch und Gesten erzählt wurden, bewegten die junge Frau sehr. Doch diese Reise endete abrupt. Irgendwo zwischen den Ausläufern des Ankrahwalls wurde die Karawane von einer Gruppe Söldner überfallen. Mutmaßlich Mitglieder der Gruppierung, die als Vorläufer der berüchtigten Rijal al'Sihad gelten. Die Händler wurden ausgeraubt, Valerie und zwei weitere Reisende als Geiseln festgehalten. Über die genaue Dauer ihrer Gefangenschaft schweigen die Tagebücher, da die entsprechenden Seiten fehlen. Was bekannt ist, verdankt sich einem einzigen erhaltenen Eintrag, den sie vermutlich kurz nach ihrer Flucht verfasste und der in ungewohnt knappen Sätzen von Dunkelheit, Durst und einer Nacht ohne Mond spricht, in der sie sich allein durch das Gebirge schlug, bis sie eine Karawanenstation erreichte. Auch später äußerte sie sich kaum zu diesem Ereignis. Nur in einem Brief an eine befreundete Gelehrte in Carviel., verfasst viele Jahre danach, erwähnte sie beiläufig, dass sie in der Wüste gelernt habe, wie wenig Worte man brauche, um zu überleben und wie viele, um das Erlebte danach in Worte zu fassen. Nach ihrer Rückkehr in bewohnte Gebiete ließ sie sich für längere Zeit in der Stadt Schattpur im Sultanat Ishtul nieder, die ihr als Erholungsort und gleichzeitig als neuer Lernort diente. Schattpur, bekannt für sein Zusammentreffen aller vier Sultanate und seinen Ruf als heimliche Hauptstadt des Landes, bot ihr genau das, was sie brauchte: Stimmen aus allen Teilen Al'bastras. In den Teehäusern und auf den Märkten hörte sie Dialektvarianten des Kalifatischen, die sich von dem, was sie in Mina Farah gelernt hatte, teils erheblich unterschieden. Sie lernte geduldig, diesmal fast ausschließlich durch Zuhören. Schreiben fiel ihr schwer in dieser Zeit, und die Tagebucheinträge aus Schattpur sind spärlich. Einige Andeutungen auf Albträume aus den Tagen der Gefangenschaft lassen sich in intimeren Abschnitten der Tagebücher finden.

{{Zitat Aufgewacht. In Damacht. Aufgewacht.

Träume ich? Wache ich?

Ich wache auf. Der Sand zählt. Ich nicht mehr.

Aufgewacht. In Damacht.

|Autor=Valerie Olerian
|Datum=1150

}}


Es war ebenfalls in Schattpur, dass sie erstmals ernsthafteren Kontakt mit den Überresten des Djidanistisches Reiches aufnahm. Ein älterer Gelehrter, der sich auf Alt-Kalifatische Inschriften spezialisiert hatte, nahm sie als Hospitantin an und führte sie in die Grundzüge des Alt-Kalifatischen ein, jener uralten Schriftsprache des untergegangenen Reiches, deren Zeichen entfernt an Bildschriften erinnerten und über die bis heute nur bruchstückhafte Entzifferungsarbeit existierte. Valerie lernte genug, um einzelne Zeichen zu deuten und einfache Inschriften ansatzweise zu lesen, jedoch nicht genug, um dem Almanach der Sprachen einen vollständigen Eintrag zu widmen. Ihr gesammeltes Wissen über das Alt-Kalifatische blieb ein Fragment, das sie zu ihren Lebzeiten nicht losließ. In ihrem Nachlass fanden sich mehrere beschriebene Seiten mit kopierten Inschriften und eigenen Entzifferungsversuchen, durchzogen von Randnotizen, die teils Jahrzehnte auseinanderlagen. Weitere Reisen in das Kalifat, die sie zu diesem Zwecke plante, sollten nie zustande kommen. Im Jahr 1151 verließ Valerie Olerian das Kalifat Al'bastra und trat den Rückweg nach Tasperin an. Was sie von dieser Reise mitbrachte, war schwerer zu benennen als Vokabeln oder Grammatikregeln. Erinnerungen und Narben, die zwar keine Seite ihres Almanachs füllten, aber Valerie für immer prägten.

Zeit am Tasperiner Hof

Im Jahre 1152 kehrte Valerie Olerian nach Tasperin zurück und schloss zunächst ihr Studium an der Kaiserlichen Universität Carviel ab. In den Jahren nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst als freie Übersetzerin in Carviel., wo sie für Handelshäuser, Hafenmeistereien und gelegentlich auch für niedere Adlige tätig war, die Schriftstücke aus dem Ausland erhielten und niemanden fanden, der sie zuverlässig lesen und übersetzen konnte. Es war keine glamouröse Tätigkeit, aber sie bot ihr das, was sie brauchte. Einige Jahre später erhielt sie einen Lehrauftrag an der Kaiserlichen Universität, wo sie Sorridianisch und Grundlagen des Kalifatischen unterrichtete. Ihre Lehrweise wurde von vielen älteren Kollegen kritisiert. Sie bestand darauf, dass ihre Studierenden die Sprache sprechen sollten, bevor sie sie schrieben, und hatte wenig Geduld für jene, die Grammatikregeln auswendig lernten, ohne je einen lebendigen Satz geformt zu haben. Ihre Vorlesungen waren berüchtigt dafür, das Olerian äußerst selten zu Kreide griff und sich stattdessen einfach mit ihren Studierenden unterhielt. Es war ihr wachsender Ruf als Übersetzerin und Lehrerin, der schließlich die Aufmerksamkeit des kaiserlichen Hofs auf sie lenkte. Der Kaiser ließ sie engagieren, zunächst als Hauslehrerin für seine Kinder, denen sie nicht nur die Grundlagen der Muttersprache, sondern auch erste Einblicke in das Sorridianische und Kalifatische vermittelte. Es war eine ruhige, geordnete Tätigkeit, die ihr behagte, solange niemand zu viel von ihr wollte. Doch ihr Ruf wuchs schnell. Schriftstücke und Verträge aus fernen Nationen, die am Hof eintrafen, landeten bald auf ihrem Schreibtisch, zunächst gelegentlich, dann mit wachsender Regelmäßigkeit. Eine Person mit vergleichbaren Sprachkenntnissen soll es im gesamten Kaiserreich nicht gegeben haben, und so wurde Valerie Olerian, ob sie wollte oder nicht, zur unverzichtbaren Stimme fremder Nationen am Tasperiner Hof. Es war der Kaiser selbst, der schließlich erkannte, dass das Wissen dieser Frau mit ihr sterben würde, wenn niemand dafür sorgte, dass es niedergeschrieben wurde. Daher erteilte er schon bald einen klaren Befehl: Sie sollte ihr gesamtes Sprachwissen in einem Werk verewigen, das künftigen Gelehrten und Übersetzern des Reiches als Grundlage dienen sollte. Olerian fügte sich, anfangs noch gewillt, die Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen. Über drei Jahre hinweg fertigte sie die Hauptaspekte des Tasperins, des Alt-Tasperins und des Sorridianischen an. Es waren ruhige Jahre, in denen sie kaum den Hof verließ und ihre Tagebücher führte sie aufgrund der Eintönigkeit ihrer Tage nicht weiter. Mit zunehmendem Alter jedoch wuchs ihr Widerstand gegen die Aufgabe, die ihr auferlegt worden war. Eines Tages, ohne Ankündigung und ohne erkennbaren unmittelbaren Anlass, verließ die nunmehr alte Dame den kaiserlichen Palast und verschwand in den umliegenden Dörfern, wie sie es auch schon Jahre zuvor getan hatte. Ihr ursprünglicher Plan war es, mit einem der nächsten Boote gen Süden aufzubrechen, um ihren Lebensabend im warmen Kalifat zu verbringen. Die Wachen des Kaisers vereitelten diesen Plan und brachten sie zurück, und der Kaiser ließ ihr ein großzügiges Gemach zuweisen, dessen Türen von nun an von außen verschlossen wurden. Es war eine Gefangenschaft, die sich alle Mühe gab, keine zu sein. Ihre Wünsche wurden ihr erfüllt, neue Bücher herbeigeschafft und ihr Essen vorzüglich. Nur die Tür öffnete sich nicht. Fast zwei weitere Jahre verbrachte Valerie Olerian in diesem Zimmer, bis der Olerians Almanach der Sprachen in seiner vollendeten Form vorlag und der Kaiser zufriedengestellt war. Nach ihrer Freilassung verließ sie den Hof und ließ sich in der Nähe von Zweibach in den Vereinigten Provinzen von Silventrum nieder und genoss den Blick auf Meer und Fluss, bis sie im Jahre 1187 des Herrn verstarb.